© Neue Zürcher Zeitung

29. September 2003

Ein ewiger Asylsuchender

Ein Buch über den Wachmann Christoph Meili

von Thomas Maissen

tmn. «Ich denke, die Medien würden sich darauf stürzen.» So beantwortete offenbar die Pressesprecherin der damaligen Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG), Gertrud Erismann, die wohl eher unerwartete Frage eines Wachmanns, der am 8. Januar 1997 während seiner Tour abends in ihrem Büro vorbeischaute. Er wollte wissen, was geschähe, wenn in der Bank relevante Dokumente vernichtet würden. Der misstrauische Wachmann namens Christoph Meili erwähnte nicht, dass er kurz zuvor im Shredder- Raum Dokumente gefunden hatte, die zum Teil aus den 1930er Jahren stammten. Einiges brachte er kurz darauf an die Öffentlichkeit, doch manches war bereits vernichtet, obwohl der Bundesbeschluss, der die Bergier-Kommission ins Leben rief, genau dies untersagte. Laut SBG, Bankenkommission und Bezirksanwaltschaft beging der Konzernarchivar einen Fehler, zerstörte aber keine relevanten Dokumente und hatte dies auch nicht im Sinn. Die Bergier-Kommission war hingegen der Ansicht, die Dokumente hätten für sie interessant sein können.

Vom Helden zum Märtyrer

Wichtiger als der Inhalt der Dokumente waren in der öffentlichen Wahrnehmung die Tatsache der Vernichtung selbst und das spätere Schicksal von Meili, der von seiner Bewachungsfirma entlassen wurde. Er, der ein Held der guten Sache sein wollte, wurde damit zu einem Spielball nicht nur der Medien, wie eine Insiderin, die damalige «Blick»-Chefreporterin Patricia Diermeier, in ihrer leicht lesbaren Reportage darlegt. Während der SBG-Verwaltungsrats-Präsident Robert Studer Meilis ethische Motive ohne Begründung öffentlich in Frage stellte und anonyme Schmierfinken mit Tod und Entführung drohten, interessierten sich der Senator Alfonse D’Amato und der Anwalt Ed Fagan nicht ganz selbstlos für den «whistle blower» – den Enthüller von Verfehlungen, den die amerikanische Gesetzgebung im Unterschied zur kontinentaleuropäischen vor Repressalien des Arbeitgebers schützt.

Durchaus mitleiderregend beschreibt Diermeier Meilis erste Reise in das Land der Verheissungen, Ende Februar 1997: Mit Tickets, die D’Amato bezahlt hatte, flogen die Meilis mit ihren zwei Kleinkindern nach New York, wo Fagan, der zufälligerweise im gleichen Flug sass, sie vom Weiterflug nach Washington abhielt und zu sich nach Hause mitnahm. Als Fagans Frau merkte, dass der verschlagene Anwalt sich Ärger mit dem mächtigen Senator auflud, warf sie die Gäste, die kaum Englisch sprachen, hysterisch aus dem Haus. Ein Taxi brachte sie mit den schlafenden Kindern zum Flughafen, der letzte Flug nach Europa zurück. Die Kosten für diese Rückführung berechnete Fagan der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich . . .

Es gibt viele Szenen, wo man staunt über die Naivität und Unselbständigkeit Christoph Meilis, der sich die Filmrechte an seiner Biografie für 50 Dollar abnehmen liess und im D’Amato-Hearing trotz Bedenken vorgelegte Lügen nachplapperte über angebliche Bankkontakte zu deutschen Chemieunternehmen während der letzten Kriegs- monate, die in den SBG-Dokumenten belegt gewesen seien. Er vertraute Leuten wie Fagan, die ihm das Blaue vom Himmel versprachen, und war nie mit denen zufrieden, die ihm konkret – wenn auch nicht mit den ersehnten Millionen- beträgen – beistanden. Mit solchen Summen, so erhält man den Eindruck, könnte Meili ohnehin nicht umgehen, denn das Geld, das er insgesamt durchaus reichlich erhielt, «rinnt der Familie wie Sand durch die Finger», etwa bei Börsen- spekulationen.

Schwieriger Charakter

In Diermeier hat Meili eine Biografin gefunden, die ihm mit sehr viel Verständnis begegnet und seine Selbstdarstellung zwar mit etlichen anderen Interviews und Quellen ergänzt, aber insgesamt vielleicht zu wenig hinterfragt und ein etwas widersprüchliches Psychogramm zeichnet. Ist Meili nun einer, «der stets an Autoritäten glaubte», oder jemand, der sich schon in der Rekrutenschule «das Maul nicht verbieten» liess und sich «gegen das Establishment auflehnte»? Es wirkt etwas blauäugig, von Meilis «Mission für Moral und Gerechtigkeit» zu reden, die er erst nach der Globallösung vom Sommer 1998 dem allgemeinen Zynismus angepasst habe: «Von nun wird auch für ihn das Geld zum Ziel seiner Mission.» Man erhält eher den Eindruck, dass Meili sich seit der Kindheit als Opfer gesehen hat und stets über diejenigen schimpfen wird, die ihm nicht gerecht werden (einst nichtjüdische Schweizer, gegenwärtig jüdische Amerikaner).

Es sieht nach einer weiteren Etappe des Davon- rennens aus, wenn der berühmte Ex-Wachmann nun offenbar in die Schweiz zurückkehren will, nachdem er dank D’Amato in einem aufsehener- regenden Verfahren «politisches Asyl» erhalten, sich vor kurzem für acht Jahre bei der US Navy verpflichtet und im April die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragt hat. Die Prognose sei gewagt, dass er es auch hierzulande mit sich selbst nicht leicht haben wird. Gerade deshalb sollte man ihm die gewünschte Heimkehr nicht schwer machen, und sei es nur durch Häme: Meili war kein Landesverräter, er hat ein – um die damalige NZZ zu zitieren – «kriminelles oder kriminell dummes» Vergehen aufgedeckt. Die Folgen dieser Tat haben ihn überfordert, aber dafür tragen viele Schweizer erhebliche Mitverantwortung.