© Neue Luzerner Zeitung

18. November  2003

Realer Thriller

Das Buch schildert primär die Ereignisse des Jahres 1997, als Meilis Aktenfund auf geradezu unglaubliche Weise eskalierte und Meili zum Spielball im internationalen Hickhack milliarden- schwerer Sammelklagen wurde. Das Buch liest sich extrem spannend und macht die komplexen Zusammenhänge verständlich. Dabei fesselt die Person Meilis, der als eher naiver Mensch in die Mühlen der Medien, Justiz und Politik gerät und unter die Räder kommt. Erhellend ist aber auch die Durchleuchtung von Mechanismen der ver- schiedenen Systeme in der Schweiz und den USA sowie im Verhalten von Entscheidungsträgern und Interessenvertretern.

Die Luzernerin Patricia Diermeier (40, Bild) war bei diversen Medien tätig, so als Redaktorin für die LNN und als Chefreporterin beim «Blick» in der Phase der Aufarbeitung der Nazizeit. Seit 2000 führt sie die Kommunikations-/Videoproduktions- firma c2u in Cham, wo sie auch wohnt.

Held oder Hampelmann

Christoph Meili polarisierte vor sechs Jahren die Schweiz. Buchautorin Patricia Diermeier ist überzeugt: Viele sehen den ex-Wachmann heute noch als Landesverräter.

INTERVIEW VON ARNO RENGGLI 

Was war denn Christoph Meili nun wirklich? Ein Held? Ein Verräter? Ein Opfer von Politik, Anwälten und Medien? Das Opfer seines eigenen Geltungsdranges? 

Patricia Diermeier: Ich denke, Meili hat mit der Rettung der Akten eine mutige und richtige Entscheidung getroffen. Danach wurde er zum Helden hochstilisiert und konnte damit nicht umgehen. Insofern wurde er ein Opfer der Gesellschaft, aber auch von sich selber.

Der typische Fall eines naiven Menschen, der plötzlich ins Rampenlicht kommt? 

Diermeier: Es kommt auf den Charakter an, wie jemand auf so etwas reagiert. Aber ich behaupte, dass viele Menschen sich dem lockenden Rummel nicht entziehen könnten. Meili war ein Nobody, der sich stets auf der Schattenseite des Lebens wähnte. Als er auf Podest gehoben wurde, war es für ihm umso schwieriger, auf dem Boden zu bleiben.

So zwiespältig Meili erscheinen mochte, die Affäre hatte doch auch positive Seiten.

Diermeier: Die Schaffung des Holocaust-Fonds wurde beschleunigt. Und aufgrund der Diskussionen in den USA machten sich andere Länder ebenfalls an die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit. Negativ war, dass die Schweizer danach absolut genug von der Vergangenheitsbewältigung hatten, so dass diese heute kaum jemanden mehr interessiert.

 

Neu in Ihrem Buch ist die Erklärung Meilis, warum er überhaupt im Shredderraum war. Nämlich wegen einem dort aufgehängten Foto eines Pinup-Girls. Das klingt ja fast so abenteuerlich wie die Theorie, Meili habe für den israelischen Geheimdienst agiert. 

Diermeier: Die Mossadgeschichte war totaler Quatsch. Die Sache mit dem Pinup-Girl glaube ich Meili. Er hat früher nichts darüber gesagt, weil er sich geschämt hat und nicht wollte, dass seine Frau davon erfährt. Mir gegenüber gab er zu, dass er immer wieder im Shredderraum beim Bild war, um sich die Einsamkeit des Nachtdienstes zu vertreiben.

Ein Meilenstein in der Affäre um Meili war die TV-Andeutung des damaligen SBG-Bosses Studer, Meili habe nicht aus ethischen Motiven die Akten sichergestellt. 

Diermeier: Einerseits war diese Aussage ein Wendepunkt im öffentlichen Image Meilis; vom Helden zum Verräter. Und andererseits war es die Initialzündung für den Hype in den USA. Hätte sich die Bank sich einfach bei Meili bedankt und ihm einen neuen Job angeboten, wäre die Sache versandet.

Wie sie in den USA dann aufgezogen wurde, grenzt aus unserer Sicht an Wahnsinn.

Diermeier: Es ist aber durchaus exemplarisch dafür, wie in den USA Dinge aufgebauscht und auch rasch wieder fallengelassen werden. Auch im Prozesswesen gibt es riesige kulturelle Unter- schiede. Während Anwälte bei uns eher diskret agieren, ziehen die amerikanischen eine möglichst grosse Show ab. Ed Fagan ist ein typisches Beispiel dafür.

Meilis Familienleben hielt letzlich der Belastung nicht stand. Wie geht es ihm heute? 

Diermeier: Wir telefonieren rund alle zwei Wochen, und kürzlich lud ich ihn in die Schweiz ein, damit er Verwandte besuchen kann. Es geht ihm gut, er hat für sich und seine Freundin ein Appartement in Kalifornien gekauft, geht aufs College und studiert Kommunikation.

Wovon lebt er? 

Diermeier: Einerseits von den Zinsen der 325 000 Dollar, die ihm zugesprochen wurden. Andererseits ist er Navy-Reservist und jobt wochenendweise. Geld von aussen erhält er keines mehr.

Wie hat er auf Ihr Buch reagiert? 

Diermeier: Nachdem er es gelesen hatte, war seine Reaktion: «Da komme ich aber schlecht weg!» Als ich nachhakte, gab er zu, dass alles stimmt. Das Buch ist für ihn wohl eine Aufarbeitung und auch die Chance, nun einen Strich zu ziehen.

Wie sieht er die ganze Sache heute?

Diermeier: Er verspürt Genugtuung darüber, dass sein Handeln etwas bewirkt hat. Allerdings sieht er auch ein, dass er Fehler gemacht hat und sich naiv benutzen liess. Er bedauert, dass er seine Familie verloren hat. Und als grössten Fehler erachtet er noch immer, die Schweiz verlassen zu haben.

Wird er je wieder in der Schweiz leben? 

Diermeier: Er redet davon, vor allem, wenn er sich in den USA nicht wohl fühlt. Die Anpassung dort fällt ihm nicht leicht. Aber ich denke, dass er es in der Schweiz schwer hätte. Denn immer noch sehen ihn die meisten als Verräter.